lunes, 15 de septiembre de 2008

Mission in Boyaca 9. bis 14. September


Die Reise geht in das Departamento von Boyocá (nordöstlich von Bogotá gelegen), genauer in den östlich gelegenen Unterabschnitt, die Provincia La Libertad, wo wir drei Dörfer besuchen wollen: Labranzagrande, Pisba und Paya:

(durch Klicken lässt sich die Karte vergrößern, so dass die drei vereinzelten Dörfer ganz im Osten des Departamento erkennbar werden)

Die Provincia de La Libertad weist einen großen Reichtum des Ökosystems auf, ein atemberaubend schönes Naturszenario aus Bergen und Tälern in allen möglichen Grüntönen mit vielen Flüssen.



Derzeit werden Ölexplorationen in der Gegend durchgeführt...

Darüber hinaus ist sie von jeher ein strategisch wichtiger Landesabschnitt, da sie unvermeidlich auf dem Weg zwischen dem weiten Flachland, der den gesamten Osten Kolumbiens ausmacht, und dem Landesinneren liegt. So ist sie im 20. Jahrhundert auch zu einem wichtigen Wirkungsraum der beiden Guerrilla-Gruppen FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und ELN (Nationale Befreiungsarmee) geworden, die sich irgendwo in den unzugänglichen Bergen der Provinz aufhalten.

Die BewohnerInnen der Provincia de La Libertad sind vor allem Bauern und Bäuerinnen, die kleine Kultivationen von u.a. Mais, Plátano, Bohnen und ein bisschen Kaffee bewirtschaften, aber vor allem von Rinderhaltung leben. Ihr Lebensraum ist von völliger Vernachlässigung des Staates geprägt, zumindest was die sozialen Strukturen betrifft: es herrscht Armut, Mangel an medizinischer Versorgung, Schulbildung und Infrastruktur.


Bauernhaus am Weg nach Labranzagrande

Anstatt den Jahrzehnte und länger alten bewaffneten Konflikt in Kolumbien, der in einer absurd ungleichen Verteilung von Reichtum, (Land-)Besitz und Macht wurzelt, durch Investitionen im sozialen Sektor zu bekämpfen, besteht der einzige Einsatz von staatlicher Seite in der Provinz wieder nur durch eine enorme Infiltrierung durch Armee und Polizei.


Polizist in Pisba (Foto Ariadni)

Somit ist das Setting der Lebenssituation der Menschen in dieser Region grob skizziert. Sie leben mitten zwischen den legalen und den illegalen bewaffneten Streitkräften dieses Landes und sind unmittelbare Opfer des Konfliktes.

Unsere Mission ist seit Jahren die erste Investigation der Situation der Menschenrechte in der Provinz. Unsere Ziele sind einerseits die humanitäre Situation, in der sich ihre BewohnerInnen befinden, in Form von Interviews zu dokumentieren und auszuwerten. Andererseits soll versucht werden, zusammen mit den EinwohnerInnen und den Autoritäten der Gemeinden ein Weg zur Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen NGO’s zur Verteidigung von Menschenrechten in der Region zu finden.

Mittwoch: 13 Uhr treffen am Busbahnhof Bogotá. Mit einem der luxeriösen Busse, die hier das Land durchqueren, in denen selbst ich die Beine ausstrecken kann, in denen man allerdings leicht erfriert aufgrund einer übertriebenen Klimanlage nach Sogamoso. Von der zweitgrößten Stadt des Departamento Boyacá mit 120 000 EinwohnerInnen, ehemals wichtiges religiöses Zentrum der Muisca-Indigenas, die hier einen Sonnentempel erbaut hatten, bekommen wir nicht viel zu sehen, da es bereits dunkel ist bei unserer Ankunft. Die Kälte drängt sich als stärkster Eindruck auf. Wir gehen essen, wir drei vom Red begleiten noch Fabian (Direktor von COSPACC) auf eine kleine Reunión, von der ich nicht viel verstehe, danach noch ein Bierchen in der einzigen Bar, die noch offen hat um diese späte Uhrzeit (etwa 23 Uhr), und dann eintauchen in den kurzen Nachtschlaf in einem kleinen Hotel. 4:45 Uhr klingelt der Wecker, halb sechs versammelt sich die Gruppe, um den Bus nach Labranzagrande zu nehmen. Kein Frühstück, aber der in Kolumbien unvermeidliche "Tinto" - sehr wässriger, schwarzer Kaffee mit viel Zucker, aber wenigstens schön heiß, hilft uns weiter.

6:03h Tinto am Busbahnhof Sogamoso

Etwa fünf Stunden Fahrt durch die Berge und das viele Grün, Pferde und Kühe grasen gleich neben der Straße, die schon bald nicht mehr asphaltiert ist. Wir verlieren an Höhe, und es wird wärmer. Zweimal hält der Bus - einmal wegen einer kleinen Rinderherde:

und einmal wegen einer Giftschlange, die mitten auf dem Weg aus einer Pfütze trinkt:


Labranzagrande empfängt uns Donnerstagvormittag mit Charme und frühlingshafter Wärme. Etwa 500 Menschen leben in diesem Dorf mit seinem kleinen Dorfplatz und den kleinen bunt verputzten Häusern.

Labranzagrande

Labranzagrande

Labranzagrande

Verkäufer in Labranzagrande
kleiner Innenhof in unserem Hostel in Labranzagrande

Unsere Arbeit beginnt. In allen drei Dörfern besteht sie daraus, unsere Mission und jedeN einzelneN von uns den BewohnerInnen des Dorfes und allen, die aus der Umgebung zu diesem Anlass gekommen sind, vorzustellen und unsere Absichten zu erklären.

Präsentation der Mission vor den Menschen aus der Gemeinde Labranzagrande

Anschließend folgen die Interviews, für die wir uns in vier bis fünf kleine Gruppen aufteilen und in verschiedenen Ecken des Raumes die einzelnen Personen an Tischen empfangen, die etwas erzählen möchten. Mit Hilfe eines Interview-Formulars nehmen wir ihre Namen, Alter, Passnummer und wenn möglich Telefonnummer auf, die Daten des Opfers, die Geschichte des Vorfalls selbst, eine eventuelle Vorgeschichte, sowie eventuelle Probleme in der Gegenwart.

Wir hören traurige Geschichten von selektiven Ermordungen von Familienmitgliedern (häufig Ehemänner) durch die Guerrilla, außergerichtliche Hinrichtungen durch Soldaten der Armee, illegale Verhaftungen und Gefangennahmen durch die Armee, Massaker und psychische Folter.
Die meisten Fälle sind vier Jahre und länger her. In Labranzagrande werden die meisten Menschenrechtsverletzungen den FARC, in Pisba sowie in Paya der ELN und der kolumbianischen Armee zugeschrieben.
Die Mehrzahl der Fälle werden aus mangelndem Vertrauen in die zuständigen staatlichen Autoritäten nie angezeigt. Und selbst wenn, bleiben die Verantwortlichen unbestraft, die Opfer bekommen eine kleine finanzielle Abfindung. Keinerlei Aufarbeitung von Schuld und Verlust und Leid, die aus dem Konflikt erwachsen, findet statt.

In jedem Dorf folgt nach einer Pause eine Versammlung mit den Autoritäten der jeweiligen Gemeinde, um mit ihnen die zusammengefassten Ergebnisse aus den Gesprächen mit den Opfern zu besprechen und zu sehen, wie die Situation verbessert werden kann.

In allen drei Dörfern finden wir eine deutliche Verletzung des humanitären Völkerrechts vor, das eine weitestgehende Trennung von zivilem Leben und militärischen Kampfhandlungen vorsieht, indem es geschützte Orte definiert wie Schulen, Krankenhäuser, kulturelle Einrichtungen und Privathäuser, die von militärischer Präsenz unberührt bleiben sollen.
Die wie Soldaten bewaffneten Polizisten sind allgegenwärtig, besonders in Pisba und Paya scheinen sie die Zahl der DorfbewohnerInnen glatt zu übertreffen.

Polizisten in Pisba

An allen Ecken und dazwischen haben sie in den Dörfern ihre "trincheras" errichtet, kleine Schutzhütten aus Sandsäcken mit Guck- und Schießscharten.
Pisba: Trinchera mitten zwischen zwei Häusern. (Foto: REDHER)


Pisba. Trinchera gleich neben dem Krankenhaus und der Apotheke (Foto: REDHER)

Die Polizisten in Pisba und Paya sind omnipräsent und offenbar schon völlig in den Alltag der dort lebenden Menschen integriert:
Kinder in Pisba, im Hintergrund Polizist und seine Trinchera

Versammlung und Präsentation vor den BewohnerInnen der Gemeinde Pisba in der Bibliothek. Die Polizisten stehen die gesamte Zeit vor der Tür der Bibliothek... (Foto: REDHER)


Freitag, wie immer in den frühen Morgenstunden, brechen wir in kleinen gemieteten Geländewägen nach Pisba auf. Die Wege sind ein Abenteuer. Erst seit Anfang 2005 sind Dörfer wie Pisba oder Paya überhaupt motorisiert erreichbar, nachdem die Gemeinde in Selbstverwaltung befahrbare Wege gebaut hat.

Einige von uns steigen auf die Ladefläche des zweiten Wagens um, nachdem der Transporter (im Hintergrund) kurz nach Labranzagrande den Geist aufgegeben hat. Es sind Fahrten über Stock und Stein und manchen Bergbach, bei dem wir ordentlich durchgerüttelt werden. Mit Wind und Sonne in den Gesichtern und einem unmittelbaren Erleben der Natur und Landschaft, durch die wir fahren. Wundervoll!

Einer der Bergbäche, die mitten über den Weg verlaufen

Aufenthalt in Pisba. Präsentation der Mission, Gespräche mit Opfern. Danach Vorstellung einiger Ergebnisse und Gespräch mit den Autoritäten der Gemeinde.


Wohnhäuser in Pisba. Sie wurden von irgendeiner deutschen Kirchengemeinde finanziert und gebaut. Die Schornsteine sind reine Dekoration.

BewohnerInnen der Gemeinde Pisba, die meisten Bauern. Einige sind viele Stunden gelaufen, um an der Mission teilzunehmen.


Pisba. Eine alte Bäuerin


Einzelgespräche mit den Opfern in der Bibliothek in Pisba



Pisba

Am Samstagmorgen geht es weiter nach Paya. Ähnliches Szenario in großer Hitze. Versammlung der EinwohnerInnen, Einzelgespräche, anschließend Gespräch mit den Autoritäten der Gemeinde.

Junge Bäuerin aus Paya

Am frühen Abend brechen wir auf zurück nach Labranzagrande, wo wir eine letzte kurze Nacht verbringen. Die Mission in der Provincia de La Libertad ist beendet, der Sonntag besteht aus Busfahrt von Labranzagrande nach Sogamoso, von wo aus wir den Bus weiter nach Bogotá nehmen.

Die Mission, die einzelnen Fälle von Menschenrechtsverletzungen (insgesamt haben wir etwa 70 Fälle sammeln können), die Zusammenarbeit mit den Autoritäten der Gemeinden und weiteres Vorgehen der Corporación COSPACC in der Provincia de La Libertad müssen nun ausgewertet und besprochen werden. Es wird einen zusammenfassenden Bericht geben sowie eine Vorstellung der Mission auf einer Pressekonferenz in den nächsten Tagen.

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